Persönlichkeiten

Nathan Stern – ein Ehrenbürger von Mellrichstadt

Grab von Levi und Regina Stern, Eltern des Nathan Stern.
Deutsche Inschrift:
Hier ruht
Levi Stern
geb. d. 11. September 1842
gest. d. 19. Juni 1901.
Regina Stern
geb. d. 12. Sept. 1843
gest. de. 27. Jan. 1915.

Nathan Stern wurde am 3. Januar 1871 als zweites von sechs Kindern in
Mellrichstadt geboren.
Seine Eltern waren Levi und Regina Stern, geb. Sacki.
Levi Stern stammte aus Willmars, Regina Stern entstammte einer alten jüdischen Familie
aus Mellrichstadt.
Levi und Regina Stern führten in Mellrichstadt ein Bekleidungshaus in der heutigen
Hauptstraße 39.
Außerdem waren sie Inhaber eines Bankhauses in der heutigen Hauptstraße 7.

Von Mellrichstadt nach Chemnitz
Nathan Stern hatte Mellrichstadt schon als junger Mann, im Alter von 22 Jahren,
verlassen.
Er ließ sich in Chemnitz nieder – dort war er ab dem 16. Oktober 1893 gemeldet.
Am 20. Januar 1900 heiratete er in Chemnitz Else Goeritz. Sie entstammte einer
bekannten jüdischen Fabrikantenfamilie.
In Chemnitz wurden dem Ehepaar zwei Kinder geboren:
Charlotte Marianne, geb. 1. Januar 1901, und Ludwig Hans, geb. 28. September 1905.

In Chemnitz war Nathan Stern zunächst Mitinhaber einer Strumpffabrikation.
Von 1902 bis 1912 gehörte ihm die Strumpfwaren- und Handschuhfabrik Max
Bergmann.
Er gehörte zu den prominentesten Vertretern der jüdischen Gemeinde von Chemnitz
und war außerordentliches Mitglied des DIGB (Deutsch-Israelitischer-Gemeinde-Bund).

Seiner „Vaterstadt“, wie er Mellrichstadt nannte, blieb er stets verbunden. Auch seine
Passion für die Jagd führte ihn immer wieder in seine Heimat. Im Fladunger Jagdrevier
ging er auf die Pirsch und erlegte manchen „prachtvollen Auerhahn“.
Anlässlich des silbernen Thronjubiläums und des 90. Geburtstages des Prinzregenten
Luitpold von Bayern am 12. März 1911 wollte Nathan Stern 25000 Goldmark in die
Bayerische Landesstiftung einzahlen, die der Prinzregent ins Leben gerufen hatte.
Das Bezirksamt Mellrichstadt überredete Stern, 5000 Goldmark davon abzuzweigen, um
zu Ehren des Prinzregenten auf dem Marktplatz von Mellrichstadt einen Brunnen zu
errichten.
Diesem Wunsch kam Nathan Stern nach.
Dies ist auch der Grund dafür, dass der Brunnen erst ein Jahr nach dem eigentlichen
Jubiläum auf dem Marktplatz errichtet und in einer großen Feier der Stadt übergeben
wurde.
Der Stadtrat von Mellrichstadt unter Bürgermeister Thaddäus Sterzinger beschloss am
7. März 1912, Nathan Stern für diese großzügige Spende die Ehrenbürgerwürde zu
verleihen.
Als Dank für diese Auszeichnung stiftete dieser wiederum eine Ratsglocke.
Für die großzügige Spende in die Landesstiftung wurde Nathan Stern vom Bayerischen
Prinzregenten der Titel eines Königlich Bayerischen Kommerzienrates verliehen.

Von Chemnitz nach Berlin
Am 23. Februar 1912 verließ Nathan Stern mit seiner Familie Chemnitz und zog nach
Berlin- Charlottenburg, dort wohnte er am Kaiserdamm 117.
In Berlin wurde im Jahre 1920 die Ehe mit Else geschieden.

Von Berlin nach München
Am 19.März 1920 verließ Nathan Stern Berlin und zog nach München. Dort heiratete er
am 21. April 1920 die Witwe Adele Löffer.
Mit ihr betrieb er die Firma Gerstle & Löffer, ein Wäsche- und Ausstattungsgeschäft mit
90 Beschäftigten in der Weinstraße 3.
1932/33 war er Mitglied der Industrie- und Handelskammer München.

Die Zeit des Nationalsozialismus.
In Mellrichstadt beschloss der Stadtrat am 14. August 1933 unter Bürgermeister
Hermann Recknagel einstimmig, Nathan Stern das verliehene Ehrenbürgerrecht zu
entziehen.
Einige Jahre später, während der Reichspogromnacht im November 1938, wurde der
von ihm gestiftete Brunnen in Mellrichstadt zerstört und vom Marktplatz entfernt.
Auch die von ihm gestiftete Ratsglocke verschwand aus dem Rathaus von Mellrichstadt.

Von München nach London
In München verloren Nathan Stern und seine Ehefrau Adele ihr Geschäft Gerstle &
Löffer. Sie konnten aber ihr Leben retten, indem sie am 20. April 1939 nach London
emigrierten. Dort betrieb Nathan Stern unter der Adresse 342 Latymer Court
Hammersmith Road wieder ein Damenwäschegeschäft.
Ein Jahr nach der Emigration, am 16. August 1940, verstarb in London im Alter von 56
Jahren seine Ehefrau Adele.
Acht Jahre nach ihr starb auch Nathan Stern in London, am 15. April 1948, mit 77
Jahren.

In Mellrichstadt wurde nach dem Ende der Herrschaft der Nationalsozialisten die
Ratsglocke wieder in das Rathaus gebracht. Sie dient bis zum heutigen Tag dem
jeweiligen Bürgermeister bei den Stadtratssitzungen.

Der von Nathan Stern gestiftete und 1938 zerstörte Brunnen aber wurde erst am 25.
Mai 1992 unter Bürgermeister Oskar Herbig wieder auf dem Marktplatz aufgebaut.
Auch die Ehrenbürgerwürde wurde Nathan Stern wieder zuerkannt.
Seit dem Jahre 2004 führt sein Name die am Bürgerhaus, dem ehemaligen Rathaus,
angebrachte Liste der Ehrenbürger der Stadt an.
Im Jahre 2012 wurde der Brunnen im Rahmen des Stadtumbaus vom Marktplatz auf
den Platz vor das Verwaltungsgebäude versetzt.

 

Robert Rothschild – ein ehemaliger jüdischer Bürger von Mellrichstadt

Geburt in Mellrichstadt
Robert Rothschild wurde am 15. Januar 1924 in Mellrichstadt im Haus am Marktplatz Nr. 299, der heutigen Nr. 3, geboren.
Seine Eltern waren Willi und Jette Rothschild, geb. Neuberger.
Willi Rothschild stammte aus Zella-Mehlis, Jette Neuberger war in Mellrichstadt in eben diesem Haus am Marktplatz geboren worden.

Robert hatte noch einen älteren Bruder, Siegfried. Der war am 7. August 1922 zur Welt
gekommen.

Gymnasium in Bad Neustadt
Die beiden Brüder besuchten vier Jahre die Volksschule in Mellrichstadt und gingen danach an das Gymnasium in Bad Neustadt.
Weil sie jüdische Schüler waren, mussten sie aber 1937 das Gymnasium verlassen.

Da jüdische Kinder auch die Regelschule in Mellrichstadt nicht mehr besuchen durften, beendete Robert seine Schulzeit an der jüdischen Volksschule in Unsleben. Sein Bruder begann eine Schlosserlehre.

Schneiderlehre in Zella-Mehlis
Nach dem Ende seiner Schulpflicht begann Robert eine Schneiderlehre bei seinem Onkel David Rothschild, einem Bruder seines Vaters, in Zella-Mehlis.

Inhaftierung im KZ Buchenwald
In Zella-Mehlis wurde der 14jährige Robert während der Reichspogromnacht im November 1938 verhaftet, er kam ins KZ Buchenwald.
Er ahnte nichts davon, dass sein Vater zur selben Zeit im KZ Buchenwald inhaftiert war. Der war zu einer Haftstrafe verurteilt worden, da er Opfer einer üblen Denunziation geworden war.
Im KZ begegneten sich Vater und Sohn nicht.

Die traumatischen Erlebnisse in Buchenwald hat Robert nie vergessen, er hat sie niedergeschrieben und später in den USA in Vorträgen davon berichtet (siehe den Text: „My ten days in Buchenwald“).

Emigration nach London
Nach der Entlassung aus dem KZ Buchenwald schaffte es seine Mutter, Robert ins rettende Ausland zu bringen. Er verließ Mellrichstadt am 1. Februar 1939 und emigrierte nach London.
Dort lebte ein Onkel seiner Mutter – der trug die Kosten für die Ausreise und nahm ihn bei sich auf. In London erlernte Robert den Beruf des Konditors.

Auch die in Mellrichstadt zurückgebliebenen Eltern und sein Bruder Siegfried konnten ihr Leben retten – sie emigrierten im Mai 1941 nach New York.

Familienzusammenführung in New York
Im März 1947 verließ Robert London und zog nach New York, da seine Mutter die Familie wieder vereinen wollte.

Heirat in New York
Im Mai 1948 heiratete er in New York Susan Heimann. Beide hatten sich in London kennen gelernt. Susan Heimann war mit ihren Eltern und ihrer Schwester 1939 aus Beuthen in Oberschlesien nach London emigriert.
Die beiden bekamen zwei Kinder, Karen und Gerry.

Robert Rothschild eröffnete in New York eine Konditorei und führte diese zusammen mit seiner Frau Susan über viele Jahre.
Später übernahm er eine Firma, die Präsentationsmaterial für Schmuck herstellte.

Studium der Geschichte
Als er das Rentenalter erreicht und das Geschäft abgegeben hatte, erfüllte er sich einen Traum, der ihm in seiner Kindheit und Jugend verwehrt worden war: Er studierte Geschichte und beendete das Studium mit einem Bachelor–Abschluss.

Besuch in der alten Heimat Mellrichstadt
Wegen der traumatischen Erlebnisse in seiner Jugend in Deutschland konnte und wollte Robert Rothschild eigentlich nie wieder deutschen Boden betreten.
Im Juli 2000 wagte er dennoch die Reise und kam in Begleitung seiner Ehefrau Susan, seines Sohns Gerry und seiner Schwiegertochter nach Mellrichstadt.
Mit ihnen besuchte er die Gräber seiner Vorfahren auf dem jüdischen Friedhof, besichtigte sein Elternhaus und ging durch die Gassen der Stadt seiner Kindheit.

Tod in New York
Nur wenige Monate nach seiner Deutschlandreise erlag Robert Rothschild in New York einem Krebsleiden.
Er starb am 27. Juni 2001 in New York im Alter von 77 Jahren.

Lebensmotto
Anderen Menschen helfen – das war das Motto seines gesamten Lebens.